Mathias Adelhoefer

Wir waren die ersten...
Erinnerungen und Reflexionen nach fünf Jahren als Deutschlektor in Korea


Man kann von einer Verkettung glücklicher Umstände sprechen, daß die Entscheidung meines derzeitigen Arbeitgebers, künftig auf meine Dienste verzichten zu wollen und persönliche sowie berufliche Gründe, die mich bewegen, nach Deutschland zurückzukehren, fast gleichzeitig über mich hereinbrachen. Die Entscheidungen sind gefallen, und es kommt nun die Zeit, mich von allen Bekannten, Kollegen und Freunden zu verabschieden und ihnen allen zu danken für unzählige fruchtbare Gespräche und Diskussionen. Mein Dank gilt vor allem meinen Mitstreitern in der LVK und den Vertretern des DAAD, des Goethe-Instituts Seoul und der Deutschen Botschaft.

Als Initiator und Gründungsmitglied der Lektoren-Vereinigung Korea rechne ich es zu einer meiner letzten Amtspflichten, einige Ereignisse der letzten Jahre noch einmal Revue passieren zu lassen, im Zeitraffer-Tempo versteht sich.

Wir Deutschlektoren in Korea waren - soweit mir bekannt ist - die ersten Auslandslektoren, die sich systematisch und kontinuierlich um die Professionalisierung unseres Berufes sowie um die Verbesserung der Lehr- und Arbeitsbedingungen eingesetzt haben, als wir noch vor der Gründung der Lektoren-Vereinigung Korea am 22. April 1995 bereits im November 1993 mit der 108-seitigen Lektorenbroschüre Informationen für deutschsprachige Lektoren und Lektorinnen in Korea 1993/94 den Grundstein für einen besseren Informationsfluß und Erfahrungsaustausch legten. Als ich im März 1992 meine Lektorentätigkeit in Korea begann, gab es außer den informativen und anregenden Lektorentreffen des Goethe-Instituts kein vergleichbares Forum, wie wir es im Anschluß an die Lektorenbroschüre Schritt für Schritt aufgebaut haben:

Die erste Ausgabe der DaF-Szene Korea erschien im März 1995 und bot auf elf Seiten aktuelle Informationen und Berichte zur hiesigen DaF-Szene. Im Oktober 1995 folgte die zweite Ausgabe des Rundbriefes, mit 25 Seiten schon etwas umfangreicher und auch mit einem ansehnlicheren, zweispaltigen Layout.

Spätestens mit der fast 60-seitigen dritten Ausgabe der DaF-Szene Korea (April 1996) gelang es den darin vereinigten Autorinnen und Autoren über die Grenzen Koreas hinweg zu zeigen, woran es in vielen Ländern immer noch mangelt und was man tun kann, um die Diskussion um eine sich wandelnde Auslands-Germanistik und DaF voranzubringen. Die Homepage der LVK (seit Mai 1996) war der nächste logische Schritt, den Informationsaustausch in der Zeit des Internet zu beschleunigen und zu vereinfachen (URL: http://www.lvk-info.org).

Die vorliegende vierte Ausgabe des Rundbriefes führt Bewährtes fort: Aktuelle Informationen, Erfahrungsberichte und Diskussionsbeiträge zu den unterschiedlichsten Fragen, die unsere Kolleginnen und Kollegen - nicht nur in Korea - bewegen.

Man möge mir meinen nicht geringen Stolz auf das Erreichte nachsehen - es war nicht immer leicht und ging auch nicht ganz ohne Konflikte ab - aber alles geschah aus Liebe zum Fach.

Es liegt wohl in der Natur der Sache, daß die Perspektive der deutschsprachigen Lektorinnen und Lektoren bei einigen auf Kritik stieß und uns Einseitigkeit vorgeworfen wurde. Inzwischen hat die LVK die Kinderschuhe ausgezogen und eine beachtliche Breitenwirkung erreicht, die sich etwa darin ausdrückt, daß wir eine zunehmende Anzahl von Anfragen stellensuchender LektorInnen verzeichnen und unsere Materialien vom DAAD an ausreisende KollegInnen weitergereicht werden.

Die Unterstützung der Anliegen der Lektorenschaft seitens offizieller Stellen wird auch unterstrichen durch den Empfang der Deutschen Botschaft am 14. November, der in dieser Form in Korea erstmalig ausgerichtet wird. Das anschließende erste Fachseminar der LVK mit Unterstützung des DAAD in Yangpyeong (15.-17. November) verspricht, eine Veranstaltung auf hohem fachlichen Niveau zu werden, bei dem koreanische Germanisten und DaF-Experten zusammen mit ihren deutschsprachigen KollegInnen sowie mit Teilnehmern aus Japan, Deutschland und der VR China die anstehenden Probleme und Veränderungen sowie Lösungsmodelle diskutieren werden.

Ganz besonders freut mich, daß die Aktivitäten der LVK innovativ und motivierend gewirkt haben und unser Beispiel auch in anderen Ländern Schule macht: Seit Oktober 1996 liegt das erste Heft des Lektoren-Rundbriefes Japan vor, in dem unsere in Japan tätigen Kolleginnen und Kollegen unter der Ägide des ehemaligen Korea-Lektors Dr. Gernot Gad ein appetitlich produziertes Heft vorlegen, das dem Beispiel unserer Rundbriefe erfolgreich nacheifert. Wir haben unsererseits auch gleich eine Anleihe bei unseren KollegInnen jenseits des Ostmeeres vorgenommen, nämlich die Idee des Preisrätsels abgekupfert! Da auch schon eine geschickt gemachte Homepage der Japan-Lektoren im Netz ist, darf man gespannt sein, was unsere über 180 deutschsprachigen Kolleginnen und Kollegen in Japan zukünftig noch zu bieten haben.

Der Lektoren-Rundbrief Japan ist erhältlich beim DAAD-Büro Tokyo, Akasaka 7-5-56, Minato-ku, Tokyo 107, Tel. +81 3 3582-6962, Fax: +81 3 3682-5554, E-Mail: daad@gmd.co.jp. Die Homepage der Lektoren in Japan: http://www.deutsch-in-Japan.de.

Trotz der genannten Erfolge werde ich mich im Dezember mit gemischten Gefühlen von der koreanischen Germanistik- und DaF-Szene verabschieden. Um den Fortgang der Arbeit der LVK mache ich mir keine Sorgen. Was wir gemeinsam begonnen haben, wird fortgeführt werden, der "Macher-Geist" wird bleiben, da es gelungen ist, die Lektoren aus ihrer Isolation herauszuholen und ein lebendiges Forum für gemeinsame Aktivitäten zu schaffen. Aufgrund der Vernetzung per Internet wird es in Zukunft viel leichter sein, Informationen auszutauschen und die steigende Zahl von DeutschlektorInnen vor ihrer Umsiedlung nach Korea auf ihre Tätigkeit vorzubereiten. Die Zahl der LektorInnen in Korea ist von etwa 35 im Jahre 1992 auf mittlerweile 65 angestiegen, während im gleichen Zeitraum die Zahl der DAAD-Lektorate von acht auf fünf reduziert wurde.

Allerdings sind die Erfolge der letzten Jahre nicht so einfach vom Himmel gefallen. An der Initiative und Mitarbeit der Mitglieder der LVK wird es liegen, wie es weitergeht. Nur durch geduldige Verhandlungen wird es möglich sein, wirkliche Verbesserungen zu erreichen.

Vieles liegt leider noch im argen: Zahlreiche KollegInnen fühlen sich in fachlicher und vertraglicher Hinsicht diskriminiert, was sich auf längere Sicht negativ auf das Arbeitsklima in den jeweiligen Abteilungen auswirkt. Bei der ersten Fragebogenaktion der LVK zu den "Arbeits- und Lebensbedingungen deutscher LektorInnen an koreanischen Hochschulen" gaben 13 von insgesamt 21 KollegInnen, die die Bögen zur Auswertung zurücksandten, an, daß sie mit den Ausländerverträgen und ihrer Stellung in der Abteilung unzufrieden seien. Über die wirkliche Lage gibt die Erhebung keine Auskunft, da nur ein Drittel der derzeit in Korea tätigen KollegInnen erreicht wurde. Nach meiner Einschätzung ist die Lage noch unerfreulicher als aus den Bögen hervorgeht. Aus zahlreichen persönlichen Gesprächen mit den Betroffenen habe ich den Eindruck gewonnen, daß viele KollegInnen, die sich enttäuscht oder sogar betrogen fühlen, resignieren und sich nicht die Mühe machen, ihren Fall zu dokumentieren - sie reisen einfach ab, ohne eine Spur zu hinterlassen. Dabei sollte jedem klar sein, daß ein solches Verhalten unprofessionell und unsolidarisch ist und die Verhältnisse so nicht besser werden.

Im übrigen muß man fragen, was mit den Erfahrungsberichten der entsandten Lektorinnen und Lektoren geschieht, die sie alljährlich erstellen müssen. Warum eigentlich werden diese Informationen nicht den "freien" Lektorinnen und Lektoren zugänglich gemacht?

Die wirtschaftliche Entwicklung Koreas, die ich in den letzten 60 Monaten miterlebt habe, raubt einem mitunter schier den Atem, stimmt mich aber grundsätzlich hoffnungsvoll für die Zukunft des Landes. Verständlicherweise geht mit der größeren wirtschaftlichen Macht Koreas und seiner gewachsenen Rolle in der Welt ein gewachsenes Selbstbewußtsein einher. Bedauerlicherweise nimmt dieses gesunde Selbstbewußtsein mitunter arrogante Züge an, die mich nachdenklich stimmen. Ein Beispiel: Die vertragliche Ungleichbehandlung ausländischer Hochschullehrer schmetterte ein Kollege mit der Behauptung ab, daß es früher umgekehrt gewesen sei, da hätten die koreanischen Universitäten den "Gästen" weit höhere Gehälter als den Einheimischen zahlen müssen, um sie nach Korea zu holen. Alleine deshalb sei die heutige Ungleichbehandlung ganz in Ordnung. Ein weiteres Beispiel: Ein anderer Kollege rechtfertigte die unterdurchschnittlichen Konditionen an einigen koreanischen Universitäten mit dem Hinweis auf die "Akademikerschwemme" in Deutschland nach dem Motto "Solange diese Leute in Deutschland keine Arbeit finden können, sollten sie doch froh sein, hier arbeiten zu können."

Mir sind mehrere, z.T. dokumentierte, Fälle bekannt, in denen der Idealismus und gutgläubige Eifer von Jungakademikern einfach ausgenutzt wurde, indem in Deutschland gemachte Zusagen nach der Ankunft in Korea nicht eingehalten wurden. Man weiß aus Erfahrung, daß kein Lektor sich in das nächste Flugzeug zurück nach Deutschland setzt, nur weil er nach seiner Ankunft in Korea auf ein paar "kleine Widrigkeiten oder Mißverständnisse" stößt. Naivität und Blauäugigkeit lassen sich natürlich nicht ohne weiteres aus der Welt schaffen, und es bleibt dabei, daß jeder Lektor seine eigenen Erfahrungen machen muß. Ich wünsche allen alten und künftigen Kolleginnen und Kollegen, daß die Erfahrungen, die Sie hier in Korea machen, zu den schönsten in Ihrem Leben zählen!


Copyright © 1996 by Mathias Adelhoefer


DaF-Szene Korea Nr. 4

Back Home