Mangelnde Kooperation
Gegenwärtig befindet sich die koreanische Germanistik in einer Umbruchsituation, die letztlich aus dem Wandel von einem den Westen kopierenden Entwicklungsland zu einer modernen Industrienation mit Anspruch auf Eigenständigkeit resultiert. Die Globalisierung Koreas wird mittelfristig das gesamte Erziehungssystem und vor allem die Fremdsprachenphilologien betreffen und sie zu Anpassungen und Veränderungen zwingen. Aber es ist eine bedauerliche Tatsache, daß die Diskussion über anstehende Veränderungen weitgehend unter Ausschluß der deutschen KollegInnen geführt wird. Sieht man von gelegentlichen gemeinsamen literarischen Übersetzungen oder von Korrekturen wissenschaftlicher und sonstiger Schriftstücke ab, beschränken sich die Kontakte zwischen deutschen und koreanischen KollegInnen häufig auf das gemeinsame Essen und Trinken. Warum eigentlich dieses Nichtausnützen menschlicher Ressourcen? Der tatsächliche Austausch in den Bereichen, für die wir fachlich kompetent sind, ist zu gering. Das ist auf die Dauer frustrierend.
Vorbild China
Blickt man beispielsweise nach China, wo im Verhältnis zu Korea weitaus weniger LektorInnen an Universitäten und Fremdsprachenhochschulen beschäftigt sind, fällt die Vielzahl von Kooperationsprojekten zwischen chinesischen und deutschen KollegInnen auf. Um nur einige zu nennen: In den letzten zehn Jahren sind in China unter Mitarbeit deutscher LektorInnen das beste chinesisch-deutsche Wörterbuch, das Xin de han ci dian, ein regionales Lehrwerk, Grundstudium Deutsch und fachsprachliche oder andere spezifische Studiengänge wie z.B in Hangzhou, Shanghai, Beijing, Tianjin, Hongkong usw. entstanden. Nicht von ungefähr wird das Niveau der Deutschausbildung in China allgemein höher eingeschätzt als das in Korea.
Initiative zu Kooperationsprojekten
In Kooperation Wörterbücher und Lehrwerke entwickeln, an Curricula und strukturellen Entscheidungen mitwirken - davon können wir hier allenfalls träumen. Doch solche Kooperationsprojekte müssen sorgfältig vorbereitet und koordiniert werden. Das übersteigt bei weitem die Möglichkeiten, die uns freien LektorInnen zur Verfügung stehen. Die von mir angeführten Beispiele in China sind dementsprechend auch sämtlich mit Unterstützung des DAAD und der dortigen DAAD-LektorInnen zustande gekommen. In diesem Zusammenhang muß allerdings die Frage gestellt werden, warum es den DAAD-LektorInnen in Korea bisher nicht gelungen ist, Kooperationsprojekte dieser Art zu initiieren. Im Gegensatz zu den freivermittelten LektorInnen ist ihre Stellung durch den Rückhalt des DAAD abgesichert, sie arbeiten an den führenden Universitäten des Landes und sie könnten dort mit Selbstbewußtsein dringend notwendige strukturelle und inhaltliche Vorschläge einbringen. Ich würde mir von der DAAD-Lektorin und den DAAD-Lektoren in Korea wünschen, daß sie die Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung stehen, ausschöpften und eine Vorreiterrolle einnähmen, die uns Nichtentsandten eine große Hilfe in unserem Bestreben nach Verbesserungen wäre.
Gobalisierung
In Korea wird die Globalisierung als ein gesellschaftliches Ziel propagiert. Die koreanische Germanistik hingegen hat für ihre Globalisierung bisher nur geringes Interesse aufgebracht. Stattdessen kennzeichnen mangelnde Motivation der Studenten, Fragen nach dem Selbstverständnis der Lehrenden und fehlender Praxisbezug des Studiums die derzeitige Situation der Hochschulgermanistik. Angesichts des steigenden Engagements koreanischer Firmen in Deutschland und deutscher Firmen in Korea wundere ich mich, welche Entwicklung das sonst so zukunftsorientierte Korea hier an seinen Universitäten verschläft. Da werden einerseits koreanische Manager in Deutschland für dumm verkauft, weil sie unzureichende Kenntnisse des deutschen Arbeitsrechts haben (vergl. Spiegel Nr. 30/95 und Leserbrief von Daewoo-Manager Hong in Spiegel Nr. 38/95). Andererseits werden Tausende von GermanistikstudentInnen jahrelang für teures Geld an den Hochschulen in praxisfernen Studiengängen ausgebildet und sehen - vor allem als Frauen - einer beruflich unsicheren Zukunft entgegen. Da wird Kapital verschleudert. Um nicht weiter hinter der internationalen Entwicklung hinterherzuhinken, sehe ich zwei Felder, auf denen wir mit den koreanischen KollegInnen das Gespräch suchen und eine Zusammenarbeit anbieten können:
Praxisbezug
Die Deutschausbildung muß in Richtung Praxisbezug umstrukturiert werden. Wir sollten darauf hinwirken, daß die Germanistikabteilungen stärker als bisher interdisziplinär vorgehen und die internationale Perspektive ihres Faches berücksichtigen. Ich denke an eine stärkere Verzahnung des akademischen Lehrplans mit praxisbezogenen Studienphasen, beispielsweise in Form von Praktika in Unternehmen. Die GermanistikabsolventInnen müssen in die Lage versetzt werden, in Berufsfelder hineinzukommen, die sich durch die internationale Wirtschaftsverflechtung eröffnen. Aber soweit ich das Überblicke, gibt es an den koreanischen Deutschabteilungen noch nicht einmal eine Zusammenarbeit zwischen koreanischen und deutschen KollegInnen im Bereich der Sprachausbildung. Vielmehr sagen einem die koreanischen KollegInnen: "Machen Sie, was Sie wollen!", was natürlich heißt "Wir machen, was wir wollen!" Das ist unprofessionell und kontraproduktiv. Die StudentInnen lernen isoliert Grammatik, Aufsatz, Konversation, Sprachlabor, Lektüre usw. und niemand interessiert sich dafür, mit welch geringer Chance auf Erfolg die StudentInnen daraus eine Synthese bilden müssen. Um ein akzeptables Sprachniveau zu erreichen, müssen die StudentInnen zusätzlich zu den hohen Studiengebühren außerhalb der Universität Geld berappen, um sich anständigen Sprachunterricht zu kaufen. Was für ein Skandal!
Lehrmaterialien
Zweitens, gewissermaßen flankierend, ist die Erstellung von Lehr- und Arbeitsmaterialien notwendig, die den spezifisch koreanischen Bedürfnissen gerecht werden. Das beginnt bereits an den Oberschulen. Alle paar Jahre werden von koreanischen ProfessorInnen nach fragwürdigen Vorgaben neue Lehrwerke für koreanische Oberschulen verfaßt, einem Auswahlverfahren unterworfen und anschließend den Oberschullehrern in die Hand gedrückt. Deutsche KollegInnen dürfen zwar nach Druckfehlern suchen, werden aber bereits bei Hinweisen auf ungrammatikalische oder hanebüchene Sätze übergangen. Das Niveau dieser Lehrwerke spricht dem heutigen Stand der Deutschausbildung für Jugendliche hohn. Über das Problem der Lehrwerke an den Hochschulen habe ich bereits in den vergangenen beiden Rundbriefen geschrieben; auch hier ist die Zusammenarbeit zwischen koreanischen und deutschen KollegInnen gefordert, geeignetes Lehrmaterial zusammenzustellen bzw. zu produzieren.
Fazit
Sinnvolle Veränderungen, die für die koreanische Germanistik im Zuge der Globalisierung nötig sind, bedürfen der Zusammenarbeit zwischen koreanischen und deutschen KollegInnen. Wünschenswert wären dabei Initiativen der DAAD-Entsandten, auf die sich die freien LektorInnen berufen können. Professionelles Arbeiten schließt Konflikte in der Zusammenarbeit nicht aus, ganz im Gegenteil, ohne Kontroversen ist kein Fortschritt zu erwarten. Auch wenn das koreanische Kommunikationsverhalten kollegialer Zusammenarbeit häufig entgegenzustehen scheint, dürfen wir uns der Verantwortung gegenüber unseren StudentInnen, von deren Geld wir immerhin leben, nicht entziehen.
Mattheus Wollert, Seongshin-Frauen-Universität, Seoul (3/96)
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