An der Gyeongsang-Nationaluniversität ist es fast schon Tradition geworden, daß in allen Semesterferien ein oder zwei Germanistikstudent(inn)en nach Deutschland reisen. Einige waren auch bereits mehrmals dort, und ich weiß von mindestens drei Absolventen, die sich nach ihrem Examen in Chinju an einer deutschen Hochschule immatrikuliert haben. Man kann also davon ausgehen, daß wenigstens fünf Prozent der Studenten eines jeden Jahrgangs einmal ihre vorlesungsfreie Zeit in Deutschland verbringen; für eine Provinzuni, wie es die Gyeongsang-Dae zweifellos ist, halte ich das für eine ganz beachtliche Zahl. Da liegt es auf der Hand, daß mich als Lektor die Beweggründe und Erfahrungen dieser Reisemutigen besonders interessieren. Warum gehen sie überhaupt? Was erwarten sie? Was bringen sie an Eindrücken mit nach Hause?
Grundsätzlich kann man zwei Gruppen von Reisenden unterscheiden. Die einen wollen nicht eigentlich nach Deutschland, sondern vor allem einmal raus aus Korea: einfach irgendwie ins Ausland. Einen Sprachkurs zu belegen, gilt ihnen dabei nur als notwendiges Übel, um das Wohlwollen der geldgebenden Eltern zu erringen. So nutzen sie Deutschland lediglich als Basislager für ihre große Tour durch ganz Europa. Für wenig Geld wollen sie möglichst viel zu Gesicht bekommen; also machen sie Interrail, schlafen in Nachtzügen, ernähren sich von Tütensuppen und finden sich jeden Morgen in einer anderen Hauptstadt wieder. Dort geht es dann ans Fotografieren, alle Postkartenblicke werden wiederentdeckt, und wenn man diese Studenten, die in ihrer oberflächlich-konsumistischen Haltung schon vollkommen dem schäfchenbraven Touristen mittleren Alters gleichen, schließlich fragt, was ihnen von der Reise im Gedächtnis geblieben sei, so antworten sie wohl: die Akropolis in Rom, das sei doch der Höhepunkt der Gotik!
Revision des Deutschlandbildes
Die anderen hingegen wollen wirklich etwas Neues kennenlernen, wollen ihre Sprachkenntnisse verbessern und sich auf die veränderte Umgebung konzentrieren, um darin später vielleicht dauerhaft Fuß fassen zu können. Sie sind es, deren Leben und Ansichten sich durch den Auslandsaufenthalt auch wesentlich zu wandeln vermögen. Manche ahnen sogar im voraus, daß ihr Deutschlandbild, dominiert von Fachwerkhäusern, Neuschwanstein und dem Heidelberger Schloß, bloß Klischees folgt und mithin nicht der Bestätigung, sondern der Revision vor Ort bedarf. Um so gefährdeter sind sie allerdings in Erwartung des Unvorhergesehenen, dem sie sich aussetzen wollen; ihre Neugier verursacht zunächst einmal Angst und die Sehnsucht nach Vertrautem, nach einer freudigen Überraschung wie der Tatsache, daß die Gepäckwagen auf vielen europäischen Flughäfen mit Werbezügen von Samsung oder LG versehen sind. Schon das vermag eine irrationale Sicherheit zu erzeugen, die durchaus zur Bewältigung praktischer Probleme bei der Ankunft auf fremdem Territorium taugt.
Heilsame Relativierung
Einschüchterndes folgt ohnehin auf Schritt und Tritt, denn alles in Deutschland ist erstaunlich groß: Menschen, Bäume, Häuser, Tische und Stühle, LKWs und Joghurtbecher, fast kein Ding weit und breit hält sich ans koreanische Bescheidenheitsmaß. Andererseits fällt den Studenten mancherlei auf, was den Alltag bequemer macht, als sie es gewohnt sind: überall hoher Wasserdruck, weniger Staub, keine Kakerlaken und kein Mißbrauch von Autohupen.
Am meisten erschreckt werden viele jedoch dadurch, daß die Republik Korea, ihr hochgehaltenes Vaterland, in Deutschland fast gar kein Thema ist, weder in den Medien noch im Alltag, wo es vielmehr von japanischen und chinesischen Angeboten wimmelt. Seoul kommt nicht mal im globalen Wetterbericht vor. In bedrücktem Ton sagte mir unlängst ein ROTC-Student in Berlin, er habe immer geglaubt, daß Korea ziemlich wichtig sei in der Welt, aber nun würde er merken, daß hier niemand darüber redet. Außerdem würden ihn alle Leute zuerst für einen Chinesen halten und wüßten über Korea überhaupt nichts. Diese Erfahrung ist um so schmerzlicher, als Deutschland in vieler Hinsicht durchaus internationalisiert erscheint - man denke nur an die Vielzahl fremdländischer Restaurants -, nur daß Korea dabei weitesthin ausgespart bleibt. Wenn diese schwache Repräsentanz nicht geradezu als Versäumnis der Deutschen aufgefaßt wird, so mag sie immerhin dazu beitragen, das Übergewicht, das nationalen Angelegenheiten in Korea selbst zugemessen wird, heilsam zu relativieren.
In diesem Sinne lernt sicherlich jeder aufmerksame Koreaner während seines Deutschlandaufenthalts, daß die Welt nicht im Hinblick auf Korea existiert. Es schrumpft zu einem Teil von ihr, sogar zu einem kleinen; aber nur aus dieser Perspektive bietet sich dem Studenten auch die Möglichkeit, sich als Mitglied einer internationalen Gemeinschaft zu fühlen, die es so in seinem Heimatland nicht gibt. Für jeden gehört es bestimmt zu den schönsten Reiseerfahrungen, Bekanntschaften mit Menschen aus vielen verschiedenen Ländern und Kontinenten zu machen und an ihnen dasselbe Interesse zu erleben, das einen selbst umtreibt. Gerade dafür bildet ein Auslandssprachkurs wohl das ideale Forum, indem er ganz unterschiedliche Menschen unter gleichen Vorgaben versammelt und sie zudem zur Verständigung anhält, was doch nichts anderes bedeutet, als gegen Klischees und Vorurteile anzugehen, um schließlich im Fremden einen Teil unseres unbekannten Selbst zu entdecken.
Kai Schröder, Gyeongsang-Nationaluniversität, Chinju (02/96)
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