Dieser kurze Artikel wird für denjenigen, der aus einer individualistischen Gesellschaft wie der deutschen kommt, nicht viel Neues bringen; er wird allenfalls die Beobachtungen bestätigen, die jeder einzelne von uns bereits für sich angestellt hat. Er bietet außerdem kein Rezept an, wie die in Rede stehende Problemlage zu bewältigen wäre. Diese zu schildern, ist sein bescheidener Zweck. Er könnte dadurch immerhin als Diskussionsgrundlage dienen. Vielleicht ließe er sich sogar im Fortgeschrittenenunterricht verwenden, wenn es dort einmal um das Selbstverständnis der Lerner geht. Sicher wäre jeder Koreaner erfreut zu bemerken, daß auch ein landesfremder Lehrer durchaus über die Lebenssituation seiner Studenten nachdenkt.
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Die koreanische Gesellschaft nähert sich in ihrer Struktur und ihren Werten zunehmend der westlichen an. Traditionelle Bindungen, vor allem familiäre, religiöses und weltliches Brauchtum sowie landestypische Lebens- und Verhaltensweisen werden schwächer; statt dessen gewinnt die Individualität des einzelnen immer mehr an Bedeutung. Diese Wandlung erscheint unaufhaltsam und auch erforderlich, wenn Korea einen sicheren Platz unter den entwickelten Nationen der Welt erreichen will; denn nur durch die Ideen und Innovationen einer großen Zahl selbsttätiger Menschen können technischer und intellektueller Fortschritt dauerhaft vorangetrieben werden. Genau diese Dynamik, die eben auch das soziale Gefüge mobilisiert, ist das Kennzeichen jeder modernen Gesellschaft.
Nun sind asiatische Gesellschaften traditionell statisch aufgebaut. Ihre hierarchische Ordnung soll jede freie Bewegung eindämmen zugunsten des konservativen Ideals, das Zusammenleben der Menschen in hergebrachter Weise aufrecht zu erhalten. Ihre Mechanismen dienen von Generation zu Generation der Wiederholung des Gewesenen. Anderssein ist verdächtig, Normalität erstrebenswert. So widersprechen sie also ihrer Grundidee nach gerade den Anforderungen der Modernität.
Dennoch konnte Korea in den vergangenen Jahrzehnten zwischen diesen beiden widerstrebenden Richtungen einen schwierigen, aber erfolgreichen Mittelweg beschreiten. Dieser Weg ist um so erstaunlicher, als gerade das Fundament dieser Entwicklung, das Bildungswesen, noch ganz traditionellen Mustern folgt.
Koreanische Schulen und Universitäten sind gewiß kein Beispiel für moderne Lehr- und Lernmethoden. Schüler und Studenten werden nicht zu selbständigem Denken erzogen, sondern daran gewöhnt, möglichst perfekt und kritiklos aufzunehmen und zu wiederholen, was der Lehrer ihnen autoritär präsentiert. Auf diese Weise häufen sie ein großes Informationsvolumen an, das sie allerdings kaum nutzbar machen können, da sie es eigentlich nicht als ihr Wissen empfinden, sondern als etwas Fremdes, Äußerliches, was ihre Persönlichkeit kaum berührt.
Ich habe in meinem Unterricht immer wieder bemerkt, daß die Studenten gut reproduzieren können, aber sehr schnell überfordert sind, wenn sie selbständig Probleme benennen, ein Thema strukturieren oder auch nur eine persönliche Stellungnahme abgeben sollen. Angesichts der kreativen Fähigkeiten eines 18jährigen deutschen Gymnasiasten, würden die meisten koreanischen Hochschulabsolventen schwach aussehen; denn jener wäre ohne besondere Mühe in der Lage, über ein beliebiges zeitgeschichtliches, natur- oder geisteswissenschaftliches Thema mit Hilfe der entsprechenden Literatur innerhalb von wenigen Tagen einen zwanzigminütigen mündlichen Vortrag oder ein mehrseitiges schriftliches Referat auszuarbeiten; und er würde eben nicht nur eine Zusammenfassung von Fakten, sondern auch eine persönliche Einschätzung des Gegenstandes liefern: eine individuelle Perspektive. Statt toten Daten lebendiges Wissen.
Soweit ich sehe, ist man jedoch in Korea nicht völlig überzeugt, daß der gesellschaftliche Wert eines Menschen auch von der Ausbildung seiner Individualität abhängt. Diese behindert ja gerade die Harmonie der Gemeinschaft: Wie kann sie da ein erzieherisches Ideal sein?
Wahrscheinlich wird mit der Beantwortung dieser Frage auch über die Zukunft Koreas entschieden, und es ist jeder einzelne von uns, der diese Frage täglich und stündlich durch sein eigenes Verhalten immer wieder beantwortet. Wenn aber Individualität gefördert werden soll, muß dies besonders an den Schulen geschehen; denn hier wird fast alles vorbereitet, was später das Berufs- und Familienleben der Menschen bestimmt. Die Verantwortung der Lehrer ist groß, aber ebenso die Verantwortung jedes Lernenden für sich selbst. Es geht um seine Individualität; er wird sie nirgendwo vorgefertigt finden.
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Kai Schröder (9/96)
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